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Warum das Google Memo nicht sexistisch ist

vor 20 Stunden
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Original Artikel:
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Der Kulturkampf reicht über das Silicon Valley hinaus
Der Autor ist entlassen, die Debatte geht weiter: In der Reaktion auf das "Google-Manifest" zeigen sich die beiden großen Pole der amerikanischen Gegenwart.
Nach der Kontroverse um das "Google-Memo" haben sich die Fronten nach erwartbarem Muster entwickelt. Der gefeuerte Autor James Damore firmiert inzwischen unter dem Twitter-Namen @Fired4Truth ("gefeuert wegen der Wahrheit"), posiert mit einem "Goolag"-Shirt und trat sogleich bei zwei Youtubern auf, die für ihre harte Kritik am Feminismus bekannt sind.

Dass der 28-Jährige inzwischen der Liebling der neuen Rechten geworden ist, bestätigt all diejenigen, die ihn von Anfang an in die strapazierte Schublade des "unzufriedenen weißen Mannes" stecken wollten.

Google wiederum sieht sich vor allem konservativer Kritik ausgesetzt - die Bewertung biologischer Unterschiede zwischen Mann und Frau ist dabei in den Hintergrund gerückt; stattdessen ist Damores prompter Rauswurf das Aufregerthema, hatte er doch selbst der Firma vorgeworfen, unliebsame Meinungen zu unterdrücken.

"Zensur der Meinungsfreiheit", rufen Kritiker lautstark, auch wenn in diesem Kontext ein solches Recht für Mitarbeiter von Privatfirmen gar nicht existiert. Doch auch liberale Medien wie der Economist wundern sich, warum Google sich einerseits als rational und datengespeist präsentiert, aber dem Manifest keine wissenschaftliche Auseinandersetzung angedeihen ließ.

Die Natur der Unterschiede
Das wissenschaftliche Fundament des zehnseitigen Memos wurde bereits von unterschiedlichsten anderen Seiten ausgiebig analysiert. Neben einer allzu freien Verwendung von statistischen Durchschnittswerten rückt vor allem die Argumentation in die Kritik, biologisch festgelegte Geschlechtsunterschiede seien hauptsächlich für die ungleiche Verteilung in Technologie-Jobs verantwortlich (nebenbei wird auch über die Natur dieser Unterschiede gestritten).
Gewichtige kulturelle und soziale Faktoren lassen sich bereits aus historischen Daten ableiten: 1984 lag der Anteil von Informatik-Studentinnen in den USA bei 37 Prozent - das war damals höher als in Physik und Medizin. Doch während in anderen technischen Berufen diese Quote seitdem beharrlich stieg, sank sie in der Informatik auf unter 20 Prozent.

Eine biologische Erklärung hierfür gibt es nicht. Die Theorie lautet stattdessen, dass die Computerindustrie in den Achtzigern damit begann, ihre Werbekampagnen auf junge Männer zuzuschneiden: Eltern kauften also ihren Söhnen Computer, ihren Töchtern nicht. Die Grundlage für die fortgesetzte Vermännlichung der Informatik.

Dass sich dieser Trend zumindest im universitären Bereich umkehren lässt, zeigen die Erfolge der Fakultätspräsidentin Maria Klawe. Sie konnte an einem kalifornischen College den Frauenanteil im Hauptfach Informatik innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 10 Prozent auf 50 Prozent steigern.

Um was geht es? Beide Seiten haben Antworten
Eine ihrer vielen Maßnahmen bestand darin, männliche Studenten in den Einführungskursen zu bremsen, wenn diese Debatten dominieren und mit ihrem Vorwissen glänzen wollten. Die Professoren wurden angeleitet, die Studenten für Engagement und Wissen zu loben, aber zugleich darum zu bitten, die Debatte später in einem Zweiergespräch fortzusetzen. Studentinnen empfanden dadurch den Einführungskurs nicht mehr als frustrierende Parade von Wissensunterschieden, sondern nahmen einen positiven Eindruck vom Fach mit.

Auch Damore legte in seinem 10-seitigen Aufsatz, den viele Medien irreführend als "Anti-Diversitäts-Memo" klassifizierten, Ideen zu einer anderen Frauenförderungspolitik bei Google vor. Die Vorschläge wie größere Transparenz, bestimmte Formen der Teamarbeit und vage anmutende Maßnahmen wie "weniger Stress" wurden allerdings kaum diskutiert.

Nicht nur das dahinterliegende Menschenbild zog Kritik nach sich: Auch die Kernforderung nach Beendigung der Diskriminierung für Vertreter konservativer Ideen bei gleichzeitiger Abkehr von einer "Diskriminierung, nur um die Repräsentanz von Frauen in Technologieberufen zu erhöhen" warf die Frage auf, um was es dem Mann genau geht.

Beide Seiten haben natürlich eine Antwort parat: Rationalität, sagen diejenigen, die Damores Meinung teilen oder zumindest in der Reaktion darauf eine Tabuisierung ungewollter Debatten sehen. Schutz des eigenen Privilegs sagen diejenigen, die in seinem Biologismus den unlauteren Versuch sehen, notwendige gesellschaftliche Reformen für mehr Gleichberechtigung mit Hilfe von Geschlechterklischees im Dienste des Status Quo zu hintertreiben.
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